In Europa droht trotz voller Auftragsbücher eine Rezession
Wie es um den aktuellen Zustand der globalen Lieferketten bestellt ist, können Anleger besonders gut am Lieferkettenindex der VP Bank ablesen.

Gegenwärtig leben wir zweifellos in extrem unsicheren Zeiten. Nach zwei Jahren Corona und den damit einhergehenden Sorgen um die Gesundheit und die wirtschaftliche Zukunft herrscht in Europa seit dem 24. Februar sogar wieder Krieg.
Auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine reagierten vor allem westliche Industrieländer mit massiven Sanktionen gegen Russland. Dies hat die globalen Lieferketten stark belastet, schliesslich gelten die Russen insbesondere im Rohstoffsektor als wichtige Player am Weltmarkt. Neben fossilen Energieträgern wie Rohöl, Erdgas und Kohle fungiert Putins Reich aber auch bei Nickel, Aluminium, Palladium, Weizen u.v.m. als weltweit bedeutender Lieferant. Zusätzlich erschwert werden Prognosen zur weiteren Entwicklung der Weltkonjunktur aber auch durch den aktuellen Lockdown der chinesischen Wirtschaftsmetropole Shanghai, der mit 26 Millionen Einwohnern immerhin grössten Stadt Chinas.
Aktuelle Stimmungslage der Lieferkettensituation
Diverse Stimmungsbarometer sind mittlerweile in einen rasanten Sinkflug gewechselt. Wie es um den aktuellen Zustand der globalen Lieferketten konkret bestellt ist, können Anleger besonders gut an dem von der VP Bank entwickelten Lieferkettenindex ablesen, der einmal pro Monat ermittelt wird. Er basiert u.a. auf europäischen und US-amerikanischen Daten zu Lieferzeiten, Frachtraten, Lagerhaltung und aufgrund von Wartezeiten vor Häfen blockierter Güter.
Um die unterschiedlichen Entwicklungen innerhalb des Welthandels detailliert und systematisch zu erfassen, fliessen insgesamt elf Indikatoren in den VP Bank Lieferkettenindex ein. Diese werden dann im Rahmen eines statistischen Verfahrens – einer sogenannten Hauptkomponentenanalyse – zu einem einzigen Indikator komprimiert. Dabei erfolgte eine Skalierung auf Werte zwischen 0 und 100. Der maximal mögliche Wert von 100 zeigt den historisch betrachtet reibungslosesten Materialfluss an. Werte im Bereich von Null signalisieren indes eine im extrem angespannte Lieferkettensituation.
Kurzum beinhaltet der Index alles, was für die globalen Lieferketten von Bedeutung ist.
Vereinfacht ausgedrückt kann man behaupten: Ein hoher Lieferkettenindex steht für einen reibungslosen Materialfluss, während ein niedriger Indexwert massive Lieferprobleme anzeigt. Der unten aufgeführte Chart lässt erkennen, wie stark die Lieferketten nach dem Ausbruch von Corona (Anfang 2020) gelitten haben. Der seit Herbst 2021 zu beobachtende Rebound könnte sich angesichts der jüngsten Verwerfungen nun als „Strohfeuer“ erweisen.
Der VP Bank-Lieferkettenindex
Lieferketten bleiben angespannt
Derzeit führt die Null-Covid-Strategie der chinesischen Regierung zu corona-bedingtem Personalmangel und damit verbundenen Werks- und Hafenschliessungen, was die kriegsbedingten Lieferkettenprobleme zusätzlich verstärkt. In einem Interview hat BX Swiss Thomas Gitzel, den Chefvolkswirt der VP Bank Liechtenstein, um eine Einschätzung der aktuellen Lieferkettenproblematik gebeten. Er rechnet vorerst nicht mit einer Entspannung und führt dies vor allem auf den anhaltenden Krieg in der Ukraine und die fortgesetzten Lockdowns in China zurück. Thomas Gitzel sieht daher weiterhin „dunkle Wolken am Konjunkturhimmel“. Er zieht folgendes Fazit und sagt: „Die Rezessionsrisiken in der Eurozone sind mittlerweile sehr hoch. Wir befinden uns in der absurden Situation, dass die europäische Wirtschaft trotz proppenvoller Auftragsbücher in die Rezession rutschen könnte.“
Das Interview zum Thema
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